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4. Dezember 2010 6 04 /12 /Dezember /2010 20:52

http://lh4.ggpht.com/_t_ujyXPvS2U/TPqpzv97uOI/AAAAAAAAAQU/fY18CzZbd2o/s128/JollyRoger.jpgWenn in den Medien das Wort „Piraten“ auftaucht, dann muss man ja heute zweimal hinschauen, welche da gemeint sind.

 

Denn es gibt ja die guten Piraten von der Piratenpartei, die wollen nur Spielen und den Bundestag entern und die bösen Piraten von Somalia, die wollen nur Dollars und die Containerschiffe der mutinationalen Konzerne entern.

 

Die guten Piraten leben in einem der reichsten Länder der Welt und machen sich Sorgen um Datenschutz, Internet und Killerspiele, bei denen man neu anfangen kann, wenn man verliert.

 

Die bösen Piraten leben in einem der ärmsten Länder der Welt, in dem es mehr (deutsche!) Heckler & Koch Maschinengewehre gibt als gesunde & nahrhafte Lebensmittel, können Internet nicht mal buchstabieren und spielen Killerspiele, die tödlich enden, wenn man verliert.

 

Die guten Piraten machen Filesharing mit Hitparaden- und Kino-Hits und leisten sich nen Anwalt, wenn sie erwischt werden. Ein paar von ihnen werden mal Anwalt, Bundestagsabgeordnete und vielleicht demnächst sogar Minister.


Die bösen Piraten nehmen Geiseln, erpressen Millionenbeträge von internationalen Konzernen und werden erschossen, wenn sie erwischt werden. Oder kriegen einen Pflichtverteidiger, wenn ausnahmsweise mal ein Mitglied der Spezialeinsatztruppe Skrupel hat, abzudrücken, obwohl die Hände erhoben sind.

 

Die guten Piraten haben Abi und ein Studium (begonnen).

 

Die bösen Piraten haben noch nie eine Schule von innen gesehen.

 

Und um uns das Erkennen leichter zu machen: Die guten Piraten sind weiß, die bösen Piraten sind schwarz.

 

Lustiger Zufall, nicht wahr?

 

Somalia ist kein gewachsener Staat, sondern eine Erfindung der Kolonialmächte. Ende des 19. Jahrhunderts erfuhr das von Somali bewohnte Gebiet seine bis heute nachwirkende Aufteilung. Der Norden des heutigen Somalia wurde von Großbritannien als Britisch-Somaliland, der Süden und Osten als Italienisch-Somaliland von Italien kolonialisiert.

 

Nach der Unabhängigkeit wurde der Diktator Siad Barre zunächst von der Sowjetunion, dann von den USA unterstützt. Er plünderte das Land. Der Westen profitierte von den Rohstoff-Exporten (u.a. Öl) und brachte massiv Waffen ins Land. Vor allem für die Armee des Diktators, aber er verkaufte auch an die immer zahlreicher werdenden Rebellen, die in Siad Barre eine Marionette des Westens sahen und sich dem Islam zuwandten.

 

http://lh4.ggpht.com/_t_ujyXPvS2U/TPqpzv97uOI/AAAAAAAAAQU/fY18CzZbd2o/s128/JollyRoger.jpgDie 1991 siegreichen Rebellengruppen konnten sich jedoch nicht auf eine Nachfolgeregierung einigen. Somalia zerfiel in umkämpfte Machtbereiche von Clans und Kriegsherren.

 

Nachdem ihr gekaufter Diktator gescheitert ist, unterstützen die USA nun plötzlich die aktuelle somalische Übergangsregierung - politisch, durch finanzielle Hilfen und mit Waffen - obwohl diese weder demokratisch legitimiert ist, noch rechtsstaatliche Grundsätze oder Menschenrechte  respektiert. Die westlich-unterstützen Regeriungstruppen rekrutieren selbst Kindersoldaten und ermorden gefangen genommene Kindersoldaten der Milizen.

 

Die USA haben auch mehrmals Luftangriffe auf Gebäude in Somalia durchgeführt, in denen sie Islamisten vermuteten. Dabei starben viele Menschen.

 

Die deutschen Bundesregierung läßt dort Kinder zu Soldaten ausbilden (gibt Geld und Waffen dafür).

 

Kurz : Somalia ist ein Land, das der Westen (und die Sovjets) zugrunde gerichten hat. Ein Land ohne Hoffnung auf Besserung. Ein Bevölkerung, die wählen kann, ob sie lieber verhundern will oder doch lieber erschossen wird.

 

Und vor der Küste dieses Landes fahren Schiffe, deren Ladung unglaublich viel wert ist. So ein einziger Öltankter hat Öl im Wert von etwa 170 Millionen Euro geladen, dazu kommt das Schiff, das auch ein paar Millionen wert ist.

 

Wen man das alles weiss, fällt es leichter zu verstehen , dass die Somalis an diesen ungeheuren Werten ein wenig teilhaben wollen. So eine 170 Millionen Schiff bringt da schon mal 9.5 Mio ein, wenn man es schafft, es anzuhalten. Das klingt viel, ist aber nicht mal die Hälfte von dem, was allein der Deutsche Staat an Steuern davon nehmen würde.

 

Natürlich sie diese Piraten keine Robin Hoods (auch wenn sie ihrem Land wohlmöglich eine extrem wichtige Einnahme-Quellen sind). Insbesondere die Besatzungen der Schiffe tun mir leid, die zum Teil lange gefangen gehalten werden.

 

http://lh4.ggpht.com/_t_ujyXPvS2U/TPqpzv97uOI/AAAAAAAAAQU/fY18CzZbd2o/s128/JollyRoger.jpg Aber ganz ehrlich?

 

Wenn ich Somali wäre, ich würde mich sofort diesen Piraten anschließen! Ohne einmal nachzudenken.

 

Und die CDU & FDP müßten das doch auch gut finden. Diese Piraten finden sich nicht ab mit ihren Schicksal, sondern unternehmen etwas, werden aktiv, gehen ins Risiko. Nix mit spätrömischer Dekadenz.die betteln nicht um Hartz4. Die holen das Geld, dort wo es reichlichst vorhanden ist.

 

Denn als Somali kan ich mir die überhebliche Moral der Deutschen Piraten-Kritiker nicht leisten. Schieß selbst oder strib langsam ist die Wahl der Somalis.

 

Übrigens:  Bruce Willis wäre in Somalia auch Pirat geworden. Und die Rolle des Schurken im nächsten "Die Hard" (die 5 ist dran, glaub ich, oder?) ist auch schon besetzt. Nach Hans Gruber in Teil1 und Simon Peter Gruber in Teil 3 ist nun endlich wieder ein Deutscher nominiert. Der Journalist Hannes Stein* qualifizierte sich mit seinem Artikel in der "Welt", in dem er forderte: "Häfen, die Piratenschiffen Schutz gewähren, gehören unbarmherzig bombardiert."(Quelle: s.u.)

 

Abgesehen davon, das er damit nicht unserer christlichen Leitkultur entspricht ("Abschieben, abschieben!!!"), leichtfertig den Tod tausender Zivilisten fordert und Springers Welt hier wieder mal verfassungswidriges, NPD-nahes Gedankengut verbreitet:

 

http://lh4.ggpht.com/_t_ujyXPvS2U/TPqpzv97uOI/AAAAAAAAAQU/fY18CzZbd2o/s128/JollyRoger.jpgWer was gegen die Piraten tun will, sollte die Ursachen bekämpfen, nicht die Symptome. Das kann ich dann übrigens den radikalen Gegnern der Piraten in Deutschland und der Piraten in Somalia identisch ins Stammbuch schreiben - was nicht viel Doppelarbeit bedeutet , denn die Überschneidung ist größer als ich erwartet hätte.

 

Für mich ist bei diesen Überlegungen vor allem deutlich geworden: Die uns so selbstverständliche Unterscheidung in "Gut" und "Böse" ist in vielen Fällen vom wirtschaftlichen Kontext des Handelnden und des Urteilenden abhängig.

 

Oder wie schrieb der Literart und Nobel-Preistrräger Anatole France:

 

„La majestueuse égalité des lois interdit aux riches comme aux pauvres de coucher sous les ponts, de mendier dans la rue et de voler du pain.“ 

 

(Deutsch: „Das Gesetz in seiner erhabenen Gleichheit verbietet es Reichen wie Armen, unter den Brücken zu schlafen, auf den Straßen zu betteln und Brot zu stehlen.“)

 

Zukünftig werde ich die Piraten aus Somalia als unerfreuliche, aber unvermeidliche Folge der Geschichte und Symptom unseres herrschenden Wirtschaftssystem ansehen und der Medien-Hysterie zu diesem Thema widersprechen.

 

Ich stimme ein:

 

Yo, ho, haul together,
hoist the colors high.
Heave ho, thieves and beggars,
never shall we die.

 

 

* Dieser Hannes Stein treibt sich übrigens im Umfeld von PI und radikalen Publizisten wie Henryk M. Broder herum. Insofern zeigt diese Forderung nur mal wieder, wie radikal und Menschen-feindlich diese rechten Männer sind.


 

Quellen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Somalia

http://www.taz.de/1/politik/afrika/artikel/1/fit-fuer-den-krieg-mit-deutschem-geld/

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,727699,00.html

http://www.taz.de/1/politik/afrika/artikel/1/deutsches-debakel-in-somalia/

http://www.taz.de/1/politik/afrika/artikel/1/deutschland-sucht-verschwundene-polizei/

http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/bildet-deutschland-kindersoldaten-aus/

http://www.welt.de/die-welt/article3600134/Kaempfer-gegen-Sklaverei-und-Kapitalismus.html


 



Siehe auch:

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