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8. August 2010 7 08 /08 /August /2010 21:15

http://www.fifoost.org/wordpress/wp-content/uploads/2010/07/Geschichte_und_Wesen-204x300.pngDer Spiegel hat ja in den letzten 20 Jahren (eigentlich seit dem Einsetzen der Vergreisung Augsteins) stark nachgelassen (oder ich bin sehr viel kritischer geworden), aber hin und wieder läuft er (beziehungsweise eineR seiner JournalistInnen) zur Hochform auf. Diese Mal ist es der Artikel

 

Explosion des Wissens

 

den ich nicht nur empfehle (dafür hätte Twitter gereicht), sondern dessen Kern-Inhalte ich hier dokumentieren und verteifen möchte.

 

Der Artikel berichtet über eine spannende Studie des Wirtschaftshistoriker Eckhard Höffner: 

 

"Höffner hat die frühe Blütezeit des Gedruckten hierzulande beleuchtet und kommt zu einem überraschenden Befund: Anders als in den Nachbarländern England und Frankreich habe sich in Deutschland im 19. Jahrhundert eine beispiellose Explosion des Wissens vollzogen."

 

Die Fakten:

 

- Allein im Jahr 1843 erschienen etwa 14.000 neue Publikationen - gemessen an der damaligen Bevölkerungszahl, war das fast schon heutiges Niveau. Dieses waren vor allem wissenschaftliche Fachaufsätze. In England dagegen erschienen in der gleichen Zeit gerade mal tausend neue Werke pro Jahr - zehnmal weniger als in Deutschland.

 

- Großbritannien führte 1710 das Copyright ein. In Deutschland dagegen scherte sich lange Zeit niemand um Autorenrechte. Preußen führte zwar das 1837 ein vergleichbares Urheberrecht ein, doch wegen der vorherrschenden Kleinstaaterei war das Gesetz im Reich zunächst kaum durchzusetzen.

 

- Während sich deutsche Autoren damals "die Finger wund schrieben", beobachtet Höffner in Großbritannien einen für die Zeit der Aufklärung und bürgerlichen Emanzipation "kläglichen Verlauf".

 

Die These:

 

Die Einführung eines Urheberrechts hat die Verbreitung von Wissen und Technologie in England erheblich behindert. Das Fehlen eines (durchsetzbaren ) Urheberrechts habe dagegen Deutschland ermöglicht, in kürzester Zeit vom rückständigen Agrarstaat zur ebenbürtigen Industrienation aufzusteigen.

 

Diese These steht im Wiederspruch zur von der Politik und Industrie verbreitetetn Meinung: Denen galt bislang das Urheberrecht als große Errungenschaft und Garant für einen florierenden Buchmarkt. Demnach werden Autoren nur dann zum Schreiben animiert, so die Lehrmeinung, wenn sie ihre Rechte gewahrt wissen.

 

Die Theorie "Öffentlicher Güter" wird dagegen wird von Verlegern und Politikern gern ignoriert, obwohl sie genau die von Höffner festgestellten Effekte vorhersagt.

 

Höffners Fleißarbeit ist die erste wissenschaftliche Arbeit, in der die Auswirkungen des Urheberrechts über einen vergleichbar langen Zeitraum und anhand eines direkten Vergleichs zweier Länder untersucht wird. Seine Erkenntnisse sorgen für Aufregung.

 

Warum ist schnell klar:

 

In England nutzten die Verleger ihre Monopolstellung schamlos aus. Neuheiten erschienen meist nur in einer geringen Auflage von maximal 750 Exemplaren und zu einem Preis, der häufig den Wochenlohn einer ausgebildeten Arbeitskraft überstieg.

 

Die prominentesten Verleger in London verdienten trotzdem prächtig und fuhren teils mit vergoldeten Droschken umher. Ihre Kunden waren Reiche und Adlige, die Bücher als reine Luxusgüter betrachteten. In den wenigen vorhandenen Bibliotheken wurden die kostbaren Folianten zum Schutz vor Dieben an den Bücherregalen festgekettet.


In Deutschland hingegen saßen den Verlegern Plagiatoren im Nacken, die jede Neuerscheinung ohne Furcht vor Strafe nachdrucken und billig verkaufen durften. Erfolgreiche Verlage reagierten mit Raffinesse auf die Abkupferer und ersannen eine Form der Publikation, wie sie noch heute üblich ist: Sie gaben edle Ausgaben für Wohlhabende heraus und günstige Taschenbücher für die Masse.


So entstand ein ganz anderer Buchmarkt als in England: Bestseller und wissenschaftliche Werke wurden in großer Stückzahl und zu Ramschpreisen unters Volk gebracht.

 

Und die Autoren? Die haben profitiert:

 

So erwirtschaftete der [...]  Berliner Professor für Chemie und Pharmazie, Sigismund Hermbstädt, mit seinem Werk "Grundsätze der Ledergerberei" (1806) ein höheres Honorar als die britische Autorin Mary Shelley mit ihrem bis heute berühmten Horrorstück "Frankenstein".

 

Dagegen waren die Autoren die Leidtragenden, als sich in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts allmählich auch in Deutschland das Urheberrecht durchsetzte: 

 

So schrieb Heinrich Heine am 24. Oktober 1854 in angesäuerter Gemütslage an seinen Verleger Julius Campe: "Durch den ungeheuer hohen Preis, den Sie angesetzt, werde ich schwerlich so bald einen zweyten Abdruck des Buchs erleben. Aber geringe Preise, liebster Campe, müssen Sie setzen, sonst sehe ich wirklich nicht ein, warum ich bei meinen materiellen Interessen so nachgiebig war."

 

Denn die deutschen Verleger reagierten auf die neue Lage allerdings ähnlich restriktiv wie ihre Kollegen in England: Sie schraubten die Buchpreise in die Höhe und schafften den Billigmarkt ab.

 

In dieser Situation verharrt der deutsche Buchmarkt bis heute - zum Schaden der Autoren und der Innovationsfähigkeit und zum Vorteil der Verleger.

 

Die im Bundestag vertretenen Parteien, die bisher das Urheberrecht - zum Schaden der Gesamt-Wirtschaft - verteidigten (auch Grüne und Linke), sind angesichts solcher Fakten gefragt, ihre bisherige Politik zu überdenken. Bestätigt fühlen darf sich von den historischen Fakten die Piratenpartei, die schon immer genau diese Position vertrat.

 

Quelle:

Spiegel online: Explosion des Wissens

 

Mehr:

Eckhard Höffner (2010) »Geschichte und Wesen des Urheberrechts«

 

Beide Bände sind jetzt erhältlich (Hardcover): Bestellformular

Band 1 (434 + 14 Seiten): 68,00 Euro (ISBN: 978-3-930893-16-4)
Band 2 (434 + 14 Seiten): 68,00 Euro (ISBN: 978-3-930893-17-1)
Band 1 und 2: 100,00 Euro (Serienpreis)

 

Der Preis für die Veröffentlichungen Höffners belegt übrigens seine Thesen vortreffflich - erschienen im Verlag Fifo Ost (Gesellschafter: Eckhard Höffner)

 

Eine elektronische Fassung oder eine Taschenbuch-Ausgabe scheint es nicht zu geben.

 

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