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15. März 2009 7 15 /03 /März /2009 17:32

"darf ich jetzt auch nicht mehr autobahn sagen?" - fragt mich jemand auf Twitter.

Hintergrund: Die Schüler-Union (CDU Schülerorganisation) hatte auf ihrer Homepage mit dem Satz"Jedem das Seine" für das dreigliedrige Schulsystem geworben.

und fügte hinzu: "Jedem das Seine" ist ein verdammt altes sprichtwort..."

Nun, Adolf Hitler hat ja tatsächlich vieles gesagt, was richtig war. Zum Beispiel: "Die Sonne scheint." oder "In Russland ist es meistens kalt." Und es gibt wirklich keinen Grund, solche Wahrheiten heute nicht mehr auszusprechen, nur weil sie ein Hitler auch mal gesagt hat.

Vieles andere was dieses Hitler und seine Anhänger gesagt haben, waren Lügen und Verleugnungen. Oft waren es auch Forderungen, die auf den ersten Blick vernünftig klangen, obwohl sich hinter ihnen andere Absichten verbargen. Das nennt man Propaganda.

Einige Aussagen, Texte und Filme der Nazis wurden in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg verboten. Einige, weil sie weiterhin für gefährlich gehalten wurden, andere weil sie als eine Beleidigung für die Opfer des Nazi-Terrors darstellen.


Der Ausdruck „Jedem das Seine“ geht bereits auf griechische Quellen zurück, die Verwendung im politischen und juristischen Sinne wird primär Cicero zugeschrieben. Pervertiert gebraucht wurde „Jedem das Seine“ dann von den Nazis, die es als Motto in das Eingangstor des nationalsozialistischen Konzentrationslagers Buchenwald integrierten, und zwar so, das es von Innen zu lesen war.


Damit stellt sich die grundsätzliche Frage: Ist ein solcher Ausdruck damit tabu? Oder kann er heute wieder problemlos verwendet werden?


Folgt man dem kommunikationswissenschaftlichen „Encoding & Decoding“ –Ansatz müssen zwei Ebenen betrachtet werden.


„Decoding“ beschreibt dabei, welche Gedanken, Empfindungen, Assoziationen beim Lesen eines Wortes, Ausdrucks oder Satzes beim Leser entstehen. Die Theorie betont, das dieses völlig unabhängig davon ist, was ein Autor aussagen wollte, da dessen Absichten ja erst mal unbekannt sind.


Da die Zielgruppe der Web-Seite der Schülerunion in der Regel keine Japaner oder Grönländer sein werden, ist es wahrscheinlich, das bei vielen halbwegs gebildeten Menschen im Zusammenhang mit dem Ausspruch „Jedem das Seine“ Assoziationen mit Nationalsozialismus und Konzentrationslagern entstehen.  Da der Ausspruch sonst eher selten verwendet wird, erhöht sich diese Wahrscheinlichkeit weiter. Bei dem Wort „Autobahn“ dagegen ist das kaum wahrscheinlich. es taucht fast in jeder Zeitungsausgabe in irgendeinem Kontext auf. Die Wahrscheinlichkeit, das es gedanklich mit den Nazis verbunden wird, ist sehr gering. Es ist also Möglich, das Worte und Ausdrücke historisch „verunreinigt“ werden und von ihrer ursprünglichen Bedeutung wenig übrig bleibt.


Ähnlich ist es ja auch beim Begriff „Kommunismus“. Von seiner historischen beabsichtigten Bedeutung in Sinne von Karl Marx als positive Utopie ist heute wenig übrig. Es schwingen unvermeidlich Assoziationen von Stalin, Stasi und Gulag mit.


Insofern ist es – unabhängig von moralischen Fragen – zweifelhaft, ob es sinnvoll ist, das den Ausdruck „Jedem das Seine“ heute noch zu verwenden.

Kommen wir nun zum „encoding“, also der Frage, was uns die Verfasser der CDU Schülerorganisation sagen wollten, als sie den Ausdruck wählten. Da wir diese Absichten nicht kennen, müssen wir verschiedene Möglichkeiten in Betracht ziehen.


1.) Gemeint war vielleicht die ursprüngliche Bedeutung, (nach Platon), wonach jeder das Seine (für die Gemeinschaft, den Staat) tun solle, und zwar in Art und Umfang so, wie es seinem Wesen, seinen Möglichkeiten und den individuellen Umständen entspricht. Ergänzend erklärte Platon, dass auch jeder das Seine bekommen soll und dass niemandem das Seine genommen werden soll (Quelle: Wikipedia). Ähnliche Ansichten vertritt übrigens auch Karl Marx im „Kommunistischen Manifest“.

Als Begründung für das dreigliedrige Schulsystem aus Sicht der CDU-Schülerorganisation scheint das weit hergeholt – aber vielleicht irre ich mich hier und sehe die Argumentationslinie nur nicht.


2.) Gemeint gewesen sein könnte auch, das die Einsortierung in die jeweilige Schulform danach erfolgen sollte, was einem die Eltern an Bildung mitgegeben haben und wie sehr man sich in der Grundschule angestrengt hat. Abgesehen davon, das mir keine Belege für eine sonstige Verwendung des Zitates in diesem Sinne bekannt ist, scheint mir das eine brutale Forderung gegenüber Grundschulkindern.

3.) Es könnte auch gemeint gewesen sein, das jeder und jede doch auf die Schulform gehen solle, die ihm / ihr entsprechen seiner / ihrer Herkunft gebührt. Also Arbeiterkinder auf die Hauptschulen, Angestelltenkinder auf die Realschulen und Akademiker-Kinder auf die Gymnasien. Eine Interpretation, die im Sinne einer konservativen Ideologie durchaus nahe liegt, die aber auch die Nähe zur Nazi-Ideologie aufzeigt. Denn die Nazis wollten mit dem – keineswegs zufällig gewählten Spruch am Eingang des Konzentrationslagers den Insassen ja gerade sagen, das sie dort hingehören, wo sie sind – und zwar Aufgrund ihrer Herkunft als Juden.


Insbesondere im Kontext solcher Meldungen: CDU nimmt NPD-Mitläufer wieder auf  kann man diese Interpretation nicht völlig von den Hand weisen.


4.) Natürlich könnte es auch sein, das da einfach jemand gedankenlos einen Spruch auf die Webseite geschrieben hat. Das aber würde die Schüler-Union NRW politisch komplett disqualifizieren. Und zwar sowohl hinsichtlich der des Niveaus ihrer Führungskräfte, als auch hinsichtlich der Kontroll-Prozesse (wer darf was wo veröffentlichen). Es handelt sich ja schließlich nicht einfach um eine private Web-Seite, sondern um die offizielle Seiten der Jugendorganisation der NRW Regierungspartei. Und der Satz wurde ja nicht etwa entfernt, nachdem SU-Mitglieder protestiert hatten, sondern erst nachdem die Presse es entdeckt hatte.

Ich hoffe damit gezeigt zu, das bestimmte Sprüche nicht einfach ohne Rücksicht auf ihren historischen Kontext verwendet werden können, sondern das es vielmehr darauf ankommt, wer sie verwendet, was damit gesagt werden soll und welche Reaktion Worte, Ausdrücke und Sätze bei der Zielgruppe auslösen.


Eure Meinung?

Mehr Infos:

Spiegel Online

Jedem das Seine! Geschichte eines Schlagworts 


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Published by Direkte Aktion - in CDU
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Kommentare

Tom 11/12/2014 22:50

Als ich bis zur Hälfte gelesen hatte, hatte ich den Kanal voll und das Interesse ging flöten.... "Jedem das Seine" heute immer noch als NaziSpruch auszulegen und hinter vorgehaltener Hand jemandem den absichtlichen Gebrauch einer Nazi"Parole" zu unterstellen ist für mich arg an den Haaren herbei gezogen....

Da drängt sich mir der Verdacht auf, dass der Autor einfach nur einsam war und im Mittelpunkt einer Disussion stehen wollte.

Direkte Aktion 11/15/2014 15:01

Hallo Tom, und danke für deinen Kommentar und auch dafür, dass du dir Sorgen um uns machst. Das ist nett.
Bedauerlich finden wir, dass du nicht in der Lage bist, auch nur ein einziges eigenes inhaltliches Argument vorzutragen oder eines von unseren Argumenten zu entkräften, sondern uns gleich persönlich angreifst.
Wir fühlen uns dadurch inhaltlich bestätigt und was das über dich aussagt, überlassen wir den werten Lesern und Leserinnen zu eigenen Beurteilung.
i.A. und mit freundlichen Grüßen
Benno

Bashoe 03/22/2009 01:31

Deine Provokatorische Frage hat mich neugierig gemacht. Diese Art zu Hinterfragen was gemeint sein könnte ist wirklich aufschlussreich.

SimonZ 03/15/2009 22:33

Netter Artikel,

jedoch wäre es doch zu einfach, wenn man sagt, dass dieses Sprichwort für die Kampagne genutzt wurde, ist ein Anzeichen für das "Niveau" der SU und der Führungskräfte.

Esso, Tschibo, Nokia - alle haben diesen Spruch unbedarft genutzt in Kampagnen. Und ich glaube nicht, dass alle die diesen Ausspruch hören direkt an Nazis, KZs, etc denken.
Oder möchte die Grüne Jugend (die die SU-Kampagne massiv kritisiert hat) mir vorschreiben, an was ich bei bestimmten Sprichwörtern denken soll?

Grundsätzlich ist es natürlich wesentlich einfacher die Nazi-Keule zu schwingen, als über Inhalte von Kampagnen zu diskutieren.

JA, dieser Satz wurde unglücklich gewählt, ich hätte ihn so nicht benutzt aus reinem Bauchgefühl ohne dabei direkt an Buchenwald zu denken. Aber zu versuchen die SU an den rechten Rand zu rücken, wäre wirklich übertrieben. Zumal die SU unverzüglich reagiert hat.

Direkte Aktion 03/16/2009 17:55


Hallo SimonZ,

ich dachte, dass ich in meinen Ausführungen klar gemacht habe, das es bei "Decodierung" nicht um eine absolute Interpretation geht, sondern darum, ob eine bestimmte Interpretation möglich und wie
naheliegend sie gegebenenfalls ist. Ob das nun nur für eine Minderheit gilt, oder den Durschnschnitt oder die Mehrheit, können nur empirische Studien entscheiden.

Dir will ich sicher nicht vorschreiben was du denken sollst - im Gegenteil: meine Betrag sollte gerade dafür sensibilisieren, was andere verstehen können, wenn man hinrlos irgendwelche Sprüche
nachplappert. Das Werbe-Fuzzis dazu neigen, kann für eine Schüler-Union, die politisch ernst genommen werdebn will, keine Entschuldigung sein.

Abgesehen davon, das das hirnlose Nachplappern von Sprüchen den Nationalsozialismus in Deutschland erst möglich gemacht hat.

Tatsache ist jedoch, das sich die SU selbst in die rechte Ecke gestellt hat - oder in die dumme Ecke,  je nachdem was die Absicht ("encoding") hinter dem Zitat war. Auf jedenfall hat sie sich
damit für eien inhaltliche Diskussion erstmal disqualifiziert.

Gruss
Benno


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